Gehen, um zu sein. Warum wir in der Gruppe pilgern

„No photos, please. Ein bisschen mehr Respekt vor der Kirche!“ Ich mache wenige Selfies. Doch als wir nach sechs Fußpilgertagen erschöpft aber glücklich in den Kirchenbänken der Basilica di San Francesco sitzen, möchte ich gerne diesen Moment in einem Bild festhalten. Der emsige Franziskaner, der offenbar deutscher Abstammung ist, verhindert das. Einen Augenblick lang bin ich ungehalten und möchte ihm entgegnen: „Ein bisschen mehr Respekt vor denen, die hier von La Verna her zu Fuß gekommen sind!“ Und die Frage nachschieben, ob er sich denn schon mal hierher zu Fuß aufgemacht habe – um zu erleben, was das für ein Moment ist, mit all den körperlichen und emotionalen Eindrücken hier zu landen, hier zu sein. Doch es gelingt mir, zum inneren Bild zurück zu kehren und für einen äußeren Abdruck keine weitere Energie zu vergeuden.

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Foto: Susanne Windischbauer (Zeit für Fotografie)

Ankommen. Von Anfang an

Am sechsten Tag kommen wir in Assisi an. Und doch war das Ankommen unsere Übung vom ersten Schritt an. Natürlich wollten wir es alle nach Assisi schaffen. Doch pilgert, wer mehr vor Augen hat als das so genannte Ziel der Reise. Wenn wir pilgernd unterwegs sind, geht es nicht darum, von A nach B zu gelangen. Vielleicht ist der Satz „Der Weg ist das Ziel“ zu häufig gebraucht worden, sodass er heute hohl klingt. Vielleicht stimmt er für uns nicht einmal. Unser Ziel ist es, vom Tun-Modus in den Sein-Modus zu kommen. Aufhören also, ständig etwas zu tun oder tun zu müssen und anfangen, zu sein. Die Gelegenheiten erkennen, mit jedem Schritt neu ankommen zu können. Da sein zu können. Ganz da sein zu können. Gegenwärtig zu sein. Präsent. Da sein bei mir selbst. Hier und jetzt. Und bei denen, die auch noch da sind um mich herum. Zusammen in dieser zauberhaften Umgebung, einer grandiosen Landschaft, die leicht und monumental zugleich wirkt: in diesem frischen Farbenmeer aus Blüten, Korn und saftigen Wiesen; in einer Kulturlandschaft, die sich seit Jahrhunderten nicht verändert hat, weil keine Autobahn sie zerschnitten und auch Urbanität sie nicht eingeholt hat.

 

Zusammen essen stiftet (Pilger-) Gemeinschaft

Am Anreisetag haben wir uns von Bayern her, aus Oberösterreich, Tirol, dem Vorarlberg und der Schweiz in Arezzo versammelt. Standesgemäß beginnen wir unsere Pilgerreise bei einem echten Francesco, der aus einem alten Benediktinerkloster im Herzen der Altstadt seine Loccanda gemacht hat. Eine Unterkunft, deren Klosterzellen als schlichte Hotelzimmer immer noch den klösterlichen Geist atmen. Das Abendessen führt die angehenden Franziskusweg-Pilger*innen als Gruppe zusammen. Als ob wir die Authentizität unseres Pilgerns untermauern wollten, ist ein leibhaftiger Franziskus auch Teil unserer Gruppe. Nichts könnte Gruppen stiftender sein als gemeinsam zu essen. Das ist am 1. Tag so wie an jedem folgenden und noch am letzten. Bei solchen (Essens-) Gelegenheiten kann man spüren, wie die christliche Kirche genau darauf eine ganze Weltreligion aufbauen konnte…

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La Verna und Franziskus. Am heiligen Berg eines zeitlosen Heiligen

Wir brechen am zweiten Tag auf, um per Zug und Bus nach La Verna zu gelangen. Es ist nicht lästig, diese Verkehrsmittel zu brauchen, um erstmal nach La Verna zu kommen. Der Regionalzug und schließlich der (Schul-)Bus helfen uns, Schritt für Schritt zu entschleunigen und nicht von jetzt auf gleich uns zu Fuß gehend wieder zu finden. Der Zug aus Arezzo heraus Richtung Bibbiena bietet uns das Panorama der Landschaft, in der wir nun sechs Tag unterwegs sein werden. Der Bus, den Berg zum Santuario della Verna hinauf lehrt uns, dass wir am Apennin sind, also in einer Berglandschaft mit zahlreichen Hügelketten. Am unscheinbaren Örtchen Beccia steigen wir aus und gelangen von hier aus zu Fuß auf einem wundervollen Waldweg hinauf zum Sterbeort des Heiligen, dem Lieblingsberg des Franziskus aus Assisi. Wenn man so will, kommen wir an am „eigentlichen“ Ausgangspunkt unserer Fußpilgerreise. Nehmen wir es als besonders gute Gelegenheit anzukommen. Bei uns selbst und bei dem Heiligen, der nicht nur seit 800 Jahren eine der faszinierendsten Gestalten des Christentums ist, sondern auch bei Anhängern anderer Religionen hoch geschätzt ist und verehrt wird. Seit dem ökologischen Aufbruch in den 1980er Jahren hat seine Art und Weise, mit der Schöpfung zu sein, auch geradezu gesellschaftspolitische Wirkung entfaltet.

Wann geht es richtig los?

Das franziskanische Heiligtum („Santuario“) am La-Verna-Berg ist ein wundervoller Ort, sich mit der Spiritualität des Franziskus vertraut zu machen. Einen Fußpilger, der von hier nach Assisi gehen möchte, kann es eine gehörige Überwindung kosten, nun immer noch nicht aufzubrechen, noch einmal zu „warten“ und vor dem eigentlichen Aufbruch innerlich und äußerlich anzukommen. Wir bleiben nicht lange. Aber es darf doch Zeit sein, hier noch für ein paar Momente zu verweilen. Und mit dem Blick auf die Weite der umgebenden Landschaft schließlich gemeinsam zu singen – und endlich „wirklich“ aufzubrechen.

Wir gehen wieder auf einem zauberhaften Waldweg den heiligen Berg hinunter. Vorbei an der Kapelle, die an Franziskus‘ Verbindung mit den Vögeln und der ganzen Schöpfung erinnert. So wie die Vögel hier zwitschern in den Ästen und Zweigen der Bäume, wird diese Verbindung direkt greifbar und der Heilige selbst präsent. Es ist immer wieder erfahrbar: Wenn wir ganz ins Sein kommen, einen Moment wirklich präsent sind, ganz im Hier und Jetzt, dann sind wir jenseits der Schranken von Zeit und Raum. Wenn wir uns loslassen können und aufgehen, in dem was ist, sind wir verbunden mit allem – an welchem Ort auch immer und zu welcher Zeit. Gerade dieser Heilige ist auch im Heute präsent wie kaum ein Zweiter.

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Foto: Susanne Windischbauer (Zeit für Fotografie)

Franziskus auf der Spur. Und Michelangelo

Wir pilgern schließlich den La Verna ganz hinunter, um unten angekommen den noch höheren und steileren Monte Foresta wieder hinaufzusteigen. Caprese Michelangelo, der beschauliche Geburtsort des Renaissance-Genies ist unser Etappenziel. Und dazu überschreiten wir den Foresta und finden auf seinem Gipfel beim Eremo della Casa einen Rast-Platz wie aus dem Bilderbuch. Eine Feuerstelle mit gemauerten Grill gibt es hier, dass man ein ganzes Wildschwein (die es hier im Wald zuhauf gibt und deren Spuren direkt am Rastplatz überall zu finden sind) zubereiten könnte. Und wir haben großes Glück: Das Eremo ist offen und bietet uns die Gelegenheit, die Räumlichkeiten zu betreten. Es ist, als ob der Heilige selbst, der nachweislich immer wieder hier am Weg war, kürzlich noch darin genächtigt hätte!

Nach der Rast geht es den Monte Foresta wieder hinunter und über Fragaiolo in einem kurzen aber fiesen steilen Anstieg noch einmal hinauf in das etwas verschlafene Nest Caprese, an dem die Berühmtheit seines weltbekannten Sohnes Michelangelo bis auf das zum kleinen Museum umfunktionierte Geburtshaus völlig spurlos vorüber gegangen ist.

Am zweiten Pilgertag nehmen wir zunächst den Bus und überqueren das Tibertal hinüber nach Sansepolcro und weiter nach Città di Castello. Diese Busfahrt ist insofern spektakulär, weil der Bus über das sagenhafte Anghiari fährt. Diese mittelalterliche Perle hängt mit seiner umgebenden Stadtmauer wie ein Adlernest an den Hängen der Alpe di Catenaia. Von Città geht es dann zu Fuß erst einmal hinaus aus der Stadt vorbei an der Terme di Fontecchio nach Il Sasso, einer Bar direkt an den Kaskaden des Sasso-Baches, wo es sich wunderbar baden lässt. Hier, so werden wir im Nachhinein feststellen, hat die ganze Gruppe sich in Achtsamkeit üben dürfen – und damit vielleicht sicher gestellt, dass wir am sechsten Tag auch gemeinsam als Gruppe in Assisi ankommen durften.

Wenn „es nicht mehr geht“

Es ist eine echte Herausforderung für eine*n Pilger*in, schon am Vormittag des zweiten Tages vom Körper den Impuls zu bekommen, dass es nicht mehr geht. Zumindest im Moment nicht. Und in der Ungewissheit, wann und ob überhaupt es weitergehen kann. Wer das Phänomen Migräne kennt, weiß, wie eine Attacke „aus heiterem Himmel“ und gerade dann kommen kann, wenn man sich so sehr auf etwas gefreut hat und doch so „völlig entspannt“ war… Unsere Pilgerin und das ganze Team hat „alles richtig“ gemacht: achtsam die Situation erkannt und früh genug gehandelt; der Pilgerin deutlich gemacht, dass der Weg nun bei relativer Hitze für einige Stunden in steiles Gelände führt, das weder per Bus noch per Taxi zu erreichen ist; sich eingestanden, dass es j e t z t nicht mehr geht – und erkannt, dass es jetzt zu überreizen bedeuten könnte, die Reise komplett abbrechen zu müssen; die Pilgerin per Taxi zur Unterkunft am Tagesetappenziel gebracht und begleitet; den Rest des Tages zur Regeneration genutzt – um am nächsten Tag tatsächlich die Tour zu Fuß wieder aufzunehmen. Der Rest der Gruppe hat die Ruhe bewahrt und die schwere Tagesetappe geschafft. Und es hat der Gruppe natürlich einen guten Impuls gegeben, beim Frühstück am nächsten Morgen wieder vereint zusammen zu sitzen und wieder komplett aufzubrechen.

Singen, Cola, Wasser und „Spagetti-Eis?“ Was den Pilger nährt

IMG-20180603-WA0011Über die Unterkunft dieser zweite Tagesetappe haben wir an anderer Stelle in diesem Blog schon geschrieben („Nicole, I drive you!“). Dennoch können wir auch hier über die „Locanda del Borgo“ der Brüder Manuele und Simone samt ihrem Vater Paolo nicht einfach hinweggehen. Die Schönheit des Borgo und die Herzlichkeit der Herbergsfamilie ist immer wieder berührend. Als wir das letzte Mal vor Ort waren, hat es sich gefügt, dass wir dort Nicoles Geburtstag feiern durften. Dieses Mal ist es Paolos Geburtstag. Und natürlich haben wir mit Steves Gitalele und unserem Gesang ein Ständchen zu seinen Ehren. Der schüchterne Mann ist sichtlich gerührt, lächelt und lässt sich mit einer kurzen Umarmung beglückwünschen… Am nächsten Morgen, wir sind gerade beim Aufbruch: Nicole bittet Manuele noch um eine Flasche Cola zum Mitnehmen. „Coke? Hot Coke is poisen, Nicole!?“, meint er ungläubig. Als Nicki ihm erklärt, dass wir aber auf dem Weg an keiner Bar vorbei und damit sonst zu keinem Coffein kommen, hat er absolutes Verständnis für diese Notlösung. Und als wir endlich aufgebrochen waren, kommt Manuele plötzlich mit einem schwarzen Tretroller hinterher und ruft uns nach: Irgendwer hat eine gefüllte Wasserflasche vergessen und das konnte er nicht zulassen. Die müsse doch mindestens so wichtig sein, wie die Flasche Cola …

Die dritte Tagesetappe führt uns wieder auf wunderschönen Waldwegen und Pfaden über Hügelketten mit traumhaften Ausblicken nach Gubbio. Wenn sich die Beine nach der schweren Etappe des Vortages wieder an das Gehen gewöhnt haben und sich die Gruppe zunehmend auch ohne Worte versteht, stellt sich an diesem dritten Fußpilgertag mehr und mehr das ein, was wir „sich gehen lassen“ – in einer positiven Lesart, versteht sich – nennen könnten, ein Gehen wie ein Atmen, ein persönlicher Rhythmus, eine Ahnung, wie es ist, nicht mehr zu  t u n  sondern zu  s e i n.

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Foto: Susanne Windischbauer (Zeit für Fotografie)

Insofern wir in Mocaiana wieder im Tibertal angelangt für die letzten 10km durch Industriegebiet geplanter Weise den Bus nehmen – und zwar schon am früheren Nachmittag – genießen wir im wunderschönen Gubbio ausnahmsweise mal einen Cappuccino zur rechten Zeit. Und weil wir uns so darüber freuen, wird gleichzeitig auch gleich noch Bruscetta, Lemonsoda, Gelato und oben drauf auch noch eine Flasche Prosecco bestellt. Den Kracher liefert allerdings „unser“ Franziskus, der ganz deutsch ein „Spagetti-Eis“ haben möchte. Die Bedienung versteht Spagetti und fragt, wie er denn seine Spagetti haben möchte. Dass das tatsächlich ein Gelato sein könnte, kann sie sich nicht vorstellen – und schüttelt, nachdem wir ihr erklärt haben, dass es so etwas in Deutschland gäbe, ungläubig den Kopf über die irrwitzigen Tedesci… . Natürlich gibt es Spagetti-Eis auch in Italien. Am Meer, wo die deutschen Touristen sind. In Gubbio ist Italien aber noch Italien.

 Was bleibt sind Bilder

Auch von den anderen Tagen bleiben vor allem Bilder. Innere Bilder von schweren Beinen und zähen Muskeln. Von der Hitze, die von oben direkt aus der Sonne oder von unten aus dem Asphalt kommt. Vor allem aber Bilder von Momenten der Freude und des Glücks: in der Verbundenheit etwa beim Singen in den Kapellen am Weg, bei überraschenden Begegnungen, mit „bon cammino“ wünschenden Einheimischen, beim Brotzeitteilen während der Mittagsrast. Die äußeren Bilder von der traumhaft schönen Landschaft und ihren satten Farben: dem Gelb des Ginsters, dem Rot der Mohnblumen, dem Blau des Hafers und dem Grün der Wiesen und Wälder. Und dann sind da noch die Gerüche, die Geschmäcker der umbrischen Küche und die Klänge der Lieder, der Schritte und das Lauschen in die Stille. Über die Sinne zur Besinnung kommen. Und sich gehen lassen können, weil für alles andere gesorgt ist. Über das Gehen zum Sein kommen. Das ist es, warum wir achtsam in der Gruppe pilgern.

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Foto: Susanne Windischbauer (Zeit für Fotografie

 

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