Achtsam unterwegs mit „unserem“ Franziskus. Eine Emmaus-Geschichte

Wir treffen ihn in der Bar Centro. Dort wo die Sonne einem in unserer Stadt am längsten ins Gesicht scheint. Die wenigen Stühle an den noch wenigeren Tischen finden kaum, dass sie frei werden, sofort neue (Be-) Sitzer. Franziskus‘ Charme kann aber niemand widerstehen. Sofort bekommt er einen eigentlich für jemand anders frei gehaltenen Stuhl und rückt damit zu uns.
Wir genießen zusammen die Sonne bis sie – es ist schon nach 18 Uhr an diesem wunderbaren Frühlingstag – im Westen dann hinter die Häuser verschwindet. Er erzählt uns von seiner Begegnung mit Veronika. Und von der Spur die jetzt bei ihm klar geworden ist. Wo und wie er Raum für Rückzug in seinem Leben schaffen möchte. Und er nimmt uns nicht nur gedanklich mit. Er lädt uns ein, Teil davon zu sein.

Das ganze Leben leben

Es geht auf den Abend zu. Wir beschließen, auch den gemeinsam zu verbringen. Noch kurz etwas besorgen und dann zusammen Abend essen. Wir kommen am „Vinyl“ vorbei. Franziskus lotst uns beim Vorbeigehen kurz dort hinein. Er stellt uns Gerald vor, den „Chief“ dieser lässigen Bar. Und die Steh-Tische, die dieser selbst gezimmert hat. Mit Tischplatten aus wuchtigen Baumscheiben und einer Schiffsschraube als Stand. Er erzählt, wie er wieder und wieder das wunderschöne Holz geschliffen und geölt hat. Und wie man tatsächlich gar nicht aufhören mag, mit der Hand darüber zu streichen: Ein Tisch wie ein Handschmeichler.

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Wir kommen über Herzensbildung und Achtsamkeit ins Gespräch. Er und seine Frau hätten auch einige Jahre in diese Richtung gearbeitet. Sie seien dann aber mit einer „Alles ist Frieden-Esoterik“ nicht zurechtgekommen. Das Leben ist nicht nur easy. Deshalb habe er jetzt eine Bar, sagt er und lacht: Da ist das ganze Leben!

Nichts für Feiglinge

Achtsamkeit allerdings hat mit solcher Art Esoterik nichts am Hut. Da wird das Leiden nicht verdrängt. Im Gegenteil. Achtsamkeit heißt, mit allem, was ist, zu sein – auch und gerade mit all dem, was einen herausfordert und belasten kann. „Achtsamkeit ist nichts für Feiglinge“, hat einer sein Buch zur Achtsamkeit überschrieben. Gerald sagt, er hat einen Bekannten, der auch ein Buch über Achtsamkeit geschrieben hat. Ich sage, dass mein Bruder auch eines geschrieben hat. Wie man Achtsamkeit im Leben mit Kindern lernen kann: „Kinder sind nichts für Feiglinge“. Worauf er meinte: Da könne er mitreden. Er habe vier Kinder…

Wir teilen (Pizza-) Brot und Wein. Und Geschriebenes.

Schließlich landen wir bei uns in der Wohnung. Bestückt mit Pizza und Salat aus dem „Italia“. Italienischen Rotwein haben wir zu Hause. Und weihen damit unsere neuen Weingläser ein. Und wir stimmen uns ein auf unser gemeinsames „Achtsam Pilgern auf dem Franziskusweg“ in der Toskana und Umbrien. Wir sitzen am weit geöffneten Fenster unserer Wohnung mitten in der Stadt. Der milde Abend, die Stimmen und Geräusche aus den Gassen, ein ganz und gar italienisches Lebensgefühl.  Wir teilen unsere Pizzen und trinken Wein. Und ein leibhaftiger Franziskus ist unser Gast.

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Er erzählt von einem seiner Lieblingsbücher. „Die Blaue Grotte“ von Sergio Bambaren. „Das Buch kenn ich“, sagt Nicki. „Und Moment mal, das habe ich da.“ Sie zieht es aus dem Bücherregal. Und Franziskus liest den Anfang des Kapitels 7 vor –  „Das Leben des Franziskus“:

Das Leben des Franziskus

Ich glaube, dass … man bei keinem anderen Menschen so ein tiefes Verständnis des Spirituellen finden kann wie bei Franziskus … In jedem Wesen und in jedem Ding, so gering es auch sein mochte, fand er den Glanz göttlicher Vollendung und konnte in ihm die Schönheit und die Macht, die Weisheit und die Güte des Schöpfers bewundern. So kam es, dass er in allem das Gute sah und seine Predigten sogar aus den Steinen herauslas. Hinzu kam, dass sich sein schlichtes, fast kindliches Gemüt um den Gedanken drehte, dass alle Geschöpfe nur einen Vater haben und demnach Brüder sind. Franziskus‘ Liebe zur Natur war nicht nur die Frucht einer gefühlvollen, weichherzigen Veranlagung… Trotz seiner Heiterkeit war er nicht von leichtherzigem, sorglosen Wesen. Niemand hat je seine Kämpfe mit sich selbst im Gebet, seine tränenreichen Qualen, seine heimlichen Zweifel miterlebt. Er konnte aus nichts heraus Musik machen, indem er einfach zwei Stöckchen wie Geige und Bogen aneinanderrieb, um seiner Freude Ausdruck zu geben – aber er konnte gleichermaßen bedrückt sein. Auch an Versuchungen und anderen Schwächungen der Seele mangelte es dem Heiligen nicht. Franziskus‘ Bescheidenheit rührte daher, dass er sich allem, in dem er den inneren Frieden der Kinder Gottes fand, vollständig hingab. (S. 85f)

Beseelt sind nicht nur Menschen, Tiere und Pflanzen

Wir spüren dem Sinn dieser Worte nach. Und freuen uns an den so großen kleinen Geschenken dieses Tages und unseres ganzen Lebens: der Frühlingssonne auf der Haut, dem Espresso, dem leckeren Kuchen, den Begegnungen, der Nähe der Herzen. Und wir teilen die Ansicht, dass viel mehr Lebendigkeit in der Welt ist, als gemeinhin gedacht wird: Es sind nach den Menschen eben nicht nur die Tiere und Pflanzen „beseelt“. Auch Steine und Berge haben oft eine beeindruckende Würde, Erhabenheit und muten bisweilen wie beseelte Wesen an. Und selbst die von Menschen geschaffene bzw. bearbeitete, oft als tot bezeichnete Materie versprüht den Geist dessen, der es geschaffen bzw. bearbeitet hat: Eine alte Tür, eine Türklinke – oder eben der Tisch in Geralds Bar. Unser Franziskus fasst das für sich zusammen und schlägt die Brücke zum Anfang unseres heutigen Treffens beim Espresso in der Bar: „Haben ist Last, Sein ist Freiheit.“

Von Franziskus zu Franziskus

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Spät am Abend verabschieden wir unseren Bruder im Herzen und im Geiste. Und wir freuen uns noch mehr auf die ganze Woche gemeinsam Unterwegssein in der bezaubernden Natur Mittelitaliens und auf den Spuren des Heiligen, dem Namenspatron „unseres“ Franziskus. Letzterer ist – das erfahren wir an diesem Abend auch noch – übrigens so zu seinem Vornamen gekommen: Franziskus ist genau 800 Jahre nach dem Heiligen aus Assisi geboren, den seine Eltern mit dieser Namensgebung ehren wollten. Was könnte für uns schöner sein, als einen leibhaftigen Franziskus mit auf unseren Pilgerweg von La Verna nach Assisi zu nehmen?

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