Imus qua sumus. Wir gehen, wie es uns geht

Wir treffen uns wie immer am Pylonentor in Regensburg. Wir kommen an. Und das Ankommen bleibt unsere Übung die ganze Stunde über. Herzlich willkommen zu „Achtsamkeit to go. Eine Stunde achtsam unterwegs sein.“ Der etwas andere Stadt-Spaziergang. Eine Veranstaltungsreihe im Frühjahr und im Herbst von CORDAT herzensbildung.

Bei sich sein

Ich gehe mit den Teilnehmer*innen ein paar Schritte über die Straße. Auf dem Platz hat man einen wunderbaren Blick über Stadtamhof hin zur Steineren Brücke und den Dom. Ankommen, da sein. Sich freuen über diese Stunde als ein Geschenk an sich selbst. Den Blick auf diese schöne Stadt genießen. Wir verbringen eine Stunde, in der wir uns erlauben dürfen, ganz bei uns selbst zu sein. Zwar getragen von einer Gruppe, doch jede*r für sich, vielleicht im Schweigen. Wir dürfen frei sein von den üblichen Konventionen des Small-Talk. Wir gehen als Gruppe und schenken uns doch den Rahmen, dass jeder bei sich sein darf.

Wahrnehmen, was uns bewegt

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Wir machen uns auf den Weg und nehmen bewusst die Stadt wahr, die Menschen und Autos, die Betriebsamkeit und Geschäftigkeit. Sie sind uns wie ein Spiegel unserer eigenen Betriebsamkeit und Geschäftigkeit im Kopf und im Herzen. Welche Gedanken sind da, welche Gefühle? In welcher Stimmung sind wir jetzt unterwegs? Wir suchen nicht irgendwelche Gedanken. Wir finden vor, was da ist. Wir schauen sie an und vielleicht benennen wir sie kurz, „labeln“ sie: Ah, der Kollege noch gerade im Büro; das Thema von heute morgen ist immer noch da; mein Sohn, meine Partnerin, meine Schwester. Einfach wahrnehmen, wer da so im Kopf und im Herzen mit uns geht.

Die Geschäftigkeit zurück-lassen

Und dann wird es stiller um uns herum. Wir sind im Grünen gelandet und lassen nun unsere Gedanken und Gefühle fürs Erste zurück – dort, wo wir herkommen, im geschäftigen Teil der Stadt. Wir wollen uns jetzt ganz auf das Gehen einlassen. Ich lese einen Text von Thich Nhat Hanh:

„Seien Sie bei jedem Ihrer Schritte hundertprozentig anwesend. Den Boden mit Ihren Füßen berührend, fühlen Sie das Wunder, lebendig zu sein. Mit jedem Schritt werden Sie und wird die Erde wirklich, real. Seien Sie sehr konzentriert und entschlossen. Sie schützen sich damit vor der gewohnheitsmäßigen Energie, die Sie gedankenverloren vorantreibt. Bringen Sie all Ihre Aufmerksamkeit zu den Fußsohlen und berühren Sie die Erde, als würden Sie sie mit Ihren Füßen küssen. Jeder Schritt ist wie das Siegel eines Herrschers auf einem Erlass. Gehen Sie so, dass Sie Ihre Stabilität, Ihre Freiheit und Ihren Frieden in die Erde prägen.“

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Volle Aufmerksamkeit bei den Fußsohlen

Jetzt also kommen wir wirklich beim Gehen an. Und damit wieder bei uns selbst. Und an dem Ort, an dem wir jeweils sind. Auf dem Boden dieser Stadt. Wir konzentrieren uns aufs Gehen und geben damit unserem Kopf und unserem Herzen eine Aufgabe. Wenn wir auf das Gehen fokussiert sind, sind wir frei von Gedanken und Gefühlen. Und wenn unser Kopf uns zurück in Gedanken bringt oder unser Herz eine Emotion hervorbringt, führen wir sie sanft aber entschlossen zurück wie einen Hundewelpen zu der für diesen Moment geltenden Aufgabe: alle Aufmerksamkeit bei den Fußsohlen.

Es ist nicht egal, wie wir gehen

So gehen wir weiter. Üben uns in Aufmerksamkeit für das Gehen. Und wir können diese Übung mitnehmen, achtsames Gehen wie ein Kaffee zum Mitnehmen: Achtsamkeit „to go“. Unsere Sprache ist ein Schlüssel dafür, wie wertvoll unsere Übung ist: Wenn wir uns nach der Befindlichkeit eines Menschen erkundigen, fragen wir „wie es  g e h t“. Es ist nicht egal oder belanglos, wie wir gehen. Auch und gerade im Alltag nicht. So wie unser Gehen ausdrückt, wie „es uns geht“, so ändert sich umgekehrt unsere Stimmung, wenn wir bei vollem Bewusstsein gehen. Thich Nhat Hanh schreibt:

„Wir gehen die ganze Zeit, doch meist nur, weil wir gehen müssen, damit wir zur nächsten Sache gelangen. Wenn wir auf diese Weise gehen, drücken wir unsere Angst und unsere Sorgen in den Erdboden. Doch wir können auch so gehen, dass wir Frieden und Gelassenheit auf den Boden übertragen. Jeder und jede von uns kann das. Jedes Kind vermag es. Können wir einen solchen Schritt machen, wird uns das auch bei zwei, drei, vier und fünf Schritten gelingen. Mit einem friedvollen und glücklichen Schritt schaffen wir einen weiteren friedvollen und glücklichen Schritt für die ganze Menschheit.“

Im Gehen lebendig werden und Frieden ausbreiten

Wir gehen weiter. Schaffen Frieden, indem wir voller Bewusstheit gehen. Und wir können jetzt unsere Sinne öffnen für das, was uns umgibt: herrlich bunter Herbstwald; mächtige Bäume; Licht und Schatten. Wir erleben uns umgeben von geradezu mythisch-mystischer Natur. Wir spüren mit unseren Füßen uns selbst und den Boden, der uns trägt. Und indem wir all unsere Sinne öffnen, wird unsere ganze Umgebung lebendig.

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Vielleicht können wir nachvollziehen, was in manchen spirituellen Traditionen Vorstellung ist: Die Erde ist wie ein Lebewesen. Ein sensibles Gebilde, für das es nicht belanglos ist, wie wir ihm begegnen. Wie wir uns auf ihr bewegen. Und selbst diese Stadt, in der wir unterwegs sind und in der wir vielleicht leben und/oder arbeiten, können wir als ein solches sensibles Gebilde, ein lebendiges System, einen Organismus betrachten, von dem wir selbst ein Teil sind. Unsere Bewegungen haben Auswirkungen. Wie wir gehen und wie „es uns geht“, ist nicht unwesentlich für diese Stadt und diese Erde. Noch einmal Thich Nhat Hanh:

„Wenn wir gehen, berühren wir die Erde. Es liegt ein großes Glück darin, die Erde berühren zu können, die Mutter aller Geschöpfe auf diesem Planeten. Wir sollten uns beim Gehen bewusst sein, dass wir auf einem Lebewesen gehen, das nicht nur uns, sondern alles Leben unterstützt. Der Erde ist schon so viel Schaden zugefügt worden, nun ist es an der Zeit, den Boden mit unseren Führen, unserer Liebe zu können. Lächeln Sie während Sie gehen – seien Sie im Hier und Jetzt. Dadurch werden Sie den Boden unter Ihren Füßen in ein Paradies verwandeln.“

Wie geht es uns – jetzt?

Jetzt sind wir am Ende dieser Stunde und unseres Weges angekommen. Wir machen noch einmal bewusst Halt. Wir bleiben stehen. Wir stellen uns zueinander. Und wir erden uns. Noch einmal bei mir ankommen. Wie spüre ich mich jetzt? Wo und wie spüre ich meinen Körper? Jetzt nach dem Gehen. Wie ist meine Stimmung?

Achtsamkeit zum Mitnehmen

Und wir kehren zurück in die belebte Stadt und in unsere alltägliche Umgebung. Und unser To-Go-Becher ist die Erkenntnis und Erfahrung, dass wie wir gehen nicht nur darüber Auskunft gibt, wie es uns geht: Achtsame Schritte können eine heilsame Unterbrechung des Hamsterrads sein, in dem wir uns oft befinden. Sie können Frieden schaffen in uns – und in unser ganzes Umfeld hinein.

Alle Zitate aus Thich Nhat Hanh: Einfach gehen. München 2016 (O.W. Barth)

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