Nicole, I drive you!

Von Frohen Botschaften, malerischen Dörfern und dem Herzen Umbriens

Es ist ein außergewöhnlicher Abend, am Ende des dritten Tages unserer Pilgertour auf dem Franziskusweg. Das atemberaubende Licht und die Schönheit der umbrischen Wälder sind mir gerade herzlich egal. 28 Kilometer stecken mir in den Knochen und ich sehne nur noch eines herbei: das Ortsschild von Pietralunga, das das Ende der heutigen Tagesetappe markiert. Noch mehr freue ich mich auf unseren Schlafplatz: Die Locanda del Borgo – ein Landhaus aus dem 15. Jahrhundert, das die beiden Brüder Manuele und Simone von ihrem Vater Paolo übernommen haben. Ein Trio, das mit einer Leidenschaft und Hingabe für dieses bezaubernde Refugium lebt, die mich schon bei der ersten Begegnung vor zwei Jahren sehr berührt hat. Von der Rezeption, über den Zimmerservice und das Restaurant: alles handmade with love und alles großartig: die liebevoll und bis ins Detail gestaltete Einrichtung, die traditionell und äußerst schmackhaft zubereitete Küche und die warme Herzlichkeit, mit der man hier als Gast willkommen geheißen wird.

Auf dem Weg nach Pietralunga

Am Morgen habe ich noch mit Manuele telefoniert, bei dem ich uns für heute Abend angekündigt und ein Zimmer für meinen Partner Christian und mich reserviert. Allein hierbei wird schon etwas von seiner großen Leidenschaft als Gastgeber spürbar: Sie seien zwar heute Abend nicht im Haus, da die jüngste Tochter von Manuele eine Ballettaufführung hat, bei der die ganze Familie ( wir sind hier schließlich in Italien ) dabei ist. Dennoch beschreibt er mir bis ins Detail, wo wir die Schlüssel finden, in welchem Restaurant wir nach dem anstrengenden Pilgertag zu Abend essen können und bedauert sehr, uns nicht höchstpersönlich mit seinen traditionellen Leckereien bekochen zu dürfen. Außerdem bietet er uns ganz selbstverständlich an, dass uns am kommenden Morgen sein Vater Paolo mit dem Auto nach Sansepolcro zurückfahren kann, um unseren VW-Bus wieder abzuholen, der dort geparkt ist. Das Telefonat ist so herzlich, als wären wir schon jahrelang befreundet.

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Die Locanda del Borgo – ein historisches Landhaus aus dem 15. Jahrhundert – ist unsere Herberge

Als endlich das Ortsschild von Pietralunga erreicht ist, atme ich erleichtert auf und nutze die nächstbeste Gelegenheit, um mich auf den Boden zu setzen, die schmerzenden Füße zu entlasten und die letzten Kräfte für die übrigen Kilometer zusammenzukratzen. Selbst der schöne Ausblick auf die dichtgedrängten Häuser des malerischen Städtchens vermögen mir die verbleibende Strecke nicht so recht schmackhaft zu machen. Dennoch schultere ich den Rucksack und mache mich mit Christian auf zu unserem Tagesziel. Eine breite und ziemlich lange Steintreppe – auch das noch – führt hinauf zur Stadtmauer und unvermittelt steht man vor dem Stadttor Pietralungas. Bereits hier wird spürbar, wie sehr sich der ursprüngliche Charme und der mittelalterliche Charakter des 2000-Seelen-Ortes erhalten haben. Geradezu magisch wirkt das einfallende Licht der Abendsonne auf den alten Steinen des Stadttores und ich bin sofort wieder wie verzaubert.

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Fast am Ziel – Ein wunderschöner Ausblick auf das kleine Städtchen Pietralunga

Abendessen mit Talblick und Überraschungen

Die engen Gassen führen uns direkt zum Marktplatz  und – sehr zu meiner Freude – zu dem von Manuele beschriebenen Restaurant. Wir beschließen angesichts der fortgeschrittenen Uhrzeit, samt Pilgerklamotten und Rucksack gleich zum Abendessen dort einzukehren, da die Locanda del Borgo am äußeren Stadtrand liegt und meine Füße keinerlei Kapazität für zusätzliche Meter hergeben.

Die Gäste im Lokal sind zum Großteil Einheimische, darunter auch ein paar Pilger, die aber bereits geduscht und in gepflegterer Kleidung am Tisch sitzen und lediglich noch an den ausgebreiteten Wanderkarten oder Pilgerführern zu erkennen sind. Nicht so wie wir, die wir uns in voller Pilgerausstattung und den sichtbaren Spuren des anstrengenden Weges und der umbrischen Sonne am nächstbesten Tisch niederlassen. Das Lokal hat eine wunderschöne Terrasse mit Blick auf das Tal, wo ich schon die nächste Wegetappe nach Gubbio erahne. Wir genießen die fröhliche und familiäre Atmosphäre ebenso sehr wie das leckere umbrische Essen, strecken genüsslich unsere müden Beine aus und belohnen uns auf kulinarische Weise für diesen Pilgertag – gesättigt mit einer Fülle von Natureindrücken, die uns die wilde Schönheit der umbrischen Wälder beschert hat. Nun auch den Hunger gestillt mit der mir so sympathischen, bodenständigen Küche Umbriens, nehme ich meine Umgebung wieder etwas genauer wahr und bemerke einen älteren Mann, der schon seit längerem an einem der Tische sitzt – ohne Getränk und Essen. Ich vermute den Inhaber des Restaurants, der sich eine Pause gönnt und seine Gäste beobachtet. Er mustert uns kurz und vertieft sich dann wieder ganz gelassen in die Betrachtung seiner Umgebung. Drei schier unüberwindbare Kilometer trennen uns noch von der Locanda del Borgo. Endgültig müde, satt und mit dem Bedürfnis nach Sitzenbleiben zögern wir den Aufbruch mit einer Nachspeisenplatte noch hinaus, die wir genussvoll Löffel für Löffel verspeisen und lassen gemeinsam die Erlebnisse des vergangenen Tages noch einmal in aller Ruhe Revue passieren.

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Das Stadttor von Pietralunga in der Abendsonne

Christian bittet den vermeintlichen Restaurant-Besitzer um die Rechnung, der daraufhin aufsteht und wenige Momente später erstaunlicherweise mit mehreren frischen Pizzen im Karton auf dem Arm zurückkehrt. Er sagt einen italienischen Satz zu uns, bei dem ich nur ein einziges Wort verstehe: Nicole. Er muss mir meine Verwirrung und Überraschung angesehen haben, so dass er es mit ein paar Brocken Englisch versucht: „Nicole, I drive you!“ In Zeitlupentempo beginne ich zu ahnen, dass der sympathische Italiener, der seit geraumer Zeit an einem der Tische im Lokal saß,  mit der Locanda del Borgo zu tun haben könnte. Woher sollte er sonst meinen Namen wissen? Ich frage ihn: é tu Paolo? Ja, es ist tatsächlich Paolo von der Locanda del Borgo, der seine Familie nach der Ballettaufführung noch mit Pizzen versorgt. Ich beziehe seinen Satz auf den morgigen Tag, uns nach Sansepolcro zu unserem Auto zu bringen und kann mich leider nur auf Englisch dafür bedanken. Erst als Christian und ich uns mit unseren Rucksäcken auf den Weg machen wollen und Paolo immer noch mit den Pizzakartons wartend da steht, begreifen wir: Paolo hat die ganze Zeit auf uns gewartet! Mit einer Seelenruhe und in vollkommener Gelassenheit, ohne sich zu erkennen zu geben. Er will uns abholen und jetzt mit zur Locanda del Borgo nehmen. Manuele habe ihm Bescheid gesagt, dass wir wohl irgendwann im Restaurant aufschlagen würden und dann sicher froh um eine Mitfahrgelegenheit wären.

Angekommen im Herzen Umbriens

Ich kann die frohe Botschaft kaum fassen und bin überwältigt von so viel Fürsorge von eigentlich fast fremden Menschen. Doch wir sind hier im Herzen Umbriens, wo Herzlichkeit ein selbstverständliches Geschenk ist, das mit viel Hingabe gepflegt wird. Christian und ich zwängen uns samt Rucksack auf den Rücksitz von Paolos Fiat Punto und die wenigen Kilometer zur Locanda del Borgo sind im Nu geschafft. Manuele wartet bereits am Straßenrand auf uns, schließt uns in die Arme wie alte Freunde und lässt es sich nicht nehmen, uns persönlich auf unser Zimmer zu führen. Wir fühlen uns wie im Paradies und schlafen wunderbar in den historischen Gemäuern des Hauses.

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Simone und Paolo verabschieden sich von mir

Ausgeruht und mit frischer Kraft erschnuppern wir am nächsten Morgen bereits beim Öffnen unserer Zimmertür den Duft frischgebackener Kuchen, die hier neben der hausgemachten Schokoladen–Nuss–Creme und allerlei weiteren Köstlichkeiten täglich serviert werden. Dementsprechend gestaltet sich auch unser Frühstück etwas ausführlicher, diesmal in Gesellschaft von Simone, der sich gerne auf einen Cappuccino mit uns an den Tisch setzt und uns die Liegestühle im Garten anbietet, um die Zeit zu überbrücken, bis Paolo soweit ist, uns mit dem Auto ins immerhin 45 Kilometer entfernte Sansepolcro zu bringen. So lassen wir den Vormittag  – wissend um Paolos Gelassenheit im Umgang mit der Zeit und ganz entgegen der üblichen Pilgeraufbruchsstimmung am Morgen – im Garten ausklingen. Viel unterhalten können wir uns nicht mit Paolo –  zu schlecht ist unser Italienisch und zu unverständlich sein Englisch. Der Abschied ist auch ohne viel Worte sehr herzlich.

Manuele, Simone und Paolo geben der Locanda del Borgo eine Seele und machen diesen Ort für mich zum Herzen Umbriens. Ich freue mich auf ein erneutes Ankommen im Herbst.

http://www.locandadelborgo.com

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